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Der Festpreis als ökonomisches System

Teil 1

Die bisherige Debatte in „offen-siv“ (über Warenproduktion und Wertgesetz im Kommunismus beider Phasen resp. über die kommunistische Produktionsweise als solche – inzwischen schon eine Debatte von dreijähriger Dauer) brachte Übereinstimmung, Unterschied, aber auch Gegensatz.

Übereinstimmung zeigt sich in der wohl wichtigsten Frage, wie wir die so genannten waren- und wertökonomischen Reformen ab den 60er Jahren in der Sowjetunion, DDR usw. einordnen in die Theorie wie Praxis eines Aufbaus der kommunistischen Gesellschaftsordnung: Mit Gerald Hoffmann und Andrea Schön und mir wesentlich negativ. Das ist der maßgebliche Gegensatz zu der „offiziellen“ Meinung, wie sie entstanden ist im Rahmen der heutigen sozialistisch-kommunistischen Parteien, die ja diese Reformen betrachten als etwas, das den Sozialismus aus “seiner Sackgasse, in die er geraten”, gerettet hätten. Wir sagen: Im Gegenteil, diese Reformen haben den realen Sozialismus theoretisch und praktisch abgerüstet und reif/reifer gemacht für einen Übergang wieder in eine Restauration bürgerlicher ökonomischer Verhältnisse; sie haben also gegenrevolutionär gewirkt.

Wie weit theoretisch – wie weit praktisch?

Unterschied allerdings ist in der Frage, wie weit sie nur – oder vorwiegend – theoretisch gewirkt haben, wieweit auch schon praktisch. Davon hängt eine Einschätzung des realen Sozialismus ab, ein Verhältnis zu seiner Gesellschaftlichkeit wie sie real, eine Art ihn zu verteidigen, oder eine Art, ihn ebenfalls schon der Kritik auszusetzen. D.h. daraus entsteht ein Verhältnis der inneren Kontinuität, eine Form selbst unseres Verhaltens, eine Bedingung für den theoretischen und praktischen Ansatz der revolutionären Theorie in der Zukunft. Es entsteht eine andere Form der qualitativen Kritik am Sozialismus, eine gegensätzliche Form zur dominanten reformerischen bis reformistischen, revisionistischen. D.h. es entsteht eine Form wieder des revolutionären Marxismus.

Die Reformen (in der DDR, der UdSSR) also – wesentlich theoretisch oder bereits wesentlich praktisch? Ich würde im Unterschied zu Gerald Hoffmann und Andrea Schön sagen, und sagte es ja: wesentlich theoretisch, praktisch weniger. Die maßgebenden praktischen Vorhaben, insbesondere der Überleitung der Reproduktion bis zu deren erweiterter Form an die unterste („dezentrale“) Ebene (der Betriebe), sowie die materielle Interessiertheit am Betriebsgewinn („Gewinnabhängigkeit der Löhne“) wurden nicht praktisch relevant; es blieb somit im Wesentlichen beim Kommunismus des Volks- oder allgemeinen Eigentums (= Aufhebung des Privateigentums), der Kommunismus wurde kein allgemeiner Genossenschafts-Sozialismus (= Aufhebung wieder des Volkseigentums). Aber im übrigen: Das bedarf einer Analyse im Detail, d.h. wir könnten immer anhand der Gehalte z.B. des NÖSPL – auch im Unterschied zu den Kossygin-Reformen in der Sowjetunion wie der ungarischen marktwirtschaftlichen Reformen seit 1983 (Nyers-Reform) – nachweisen, worauf wir das Schwergewicht der Kritik zu legen hätten. Jedenfalls fiele die Kritik am realen Sozialismus größer (und das Bekenntnis geringer) aus, könnten wir die Wende von der Plan- zur entwickelten „sozialistischen“ Warenökonomie für den realen Sozialismus praktisch belegen. Ich betone: Wende ab dem resp. nach (!) dem Beginn der geplanten Wirtschaft, denn es gibt eine allererste Phase des Kommunismus (besser: der kommunistischen Macht), wo überwiegt, sich der dezentralen ökonomischen Elemente zu bedienen, sie gar zu entwickeln, eben weil die Ökonomie noch nicht bis zur geplanten entwickelt ist. Auch China muß ja in der allgemeinen Theorie bedacht werden (in der Sowjetunion sind es mehr die 20er Jahre).

Also: Erst ab der durch Plan regulierten – was bedeutet, zentral regulierten – Ökonomie sprechen wir von einem realen ökonomischen Sozialismus/Kommunismus, und erst ab dann wird unser Verhältnis zur Warenökonomie eines zweier möglicher Positionen und erscheinen all die Momente des inneren Kampfes von Revolution und Revision der Macht der Arbeiterklasse wieder. Bei Gerald und Andrea müßten diese Momente der Kritik stärker gesetzt sein, weil sie von höherer innerer Wende zur bürgerlichen Rekonstitution ausgehen, bei mir schwächer. Allerdings müßten wir in der Frage der theoretischen Wertung dieser Reformen übereinstimmen – und das tun wir; das ist nicht etwa „erfreulich“, sondern die Logik beider Positionen, sowohl der eher theoretischen als auch der schon praktischen. Das heißt, uns führt der Sachzwang, der gleiche Ausgangspunkt, zusammen, nicht irgendein guter Wille.

Vielleicht noch dieser Gedanke: Spricht eine stärkere praktische Verirrung des realen Sozialismus dafür, dass die Restaurierung zu bürgerlichen, kapitalistischen Verhältnissen in der Sowjetunion leichter fiel, d.h. erklärt gerade die Praxis der Reform ab 1962 die Möglichkeit und Wirklichkeit der Wende von 1989-1991? Wäre sie bei einer lediglich theoretischen Voraussetzung der Reform geringeren Maßes verlaufen als sie verlaufen ist oder gar nicht erfolgreich verlaufen? D.h. ist der Gang von Gorbatschow in die Sappe nur ideell vom realen Kommunismus vorbereitet, oder kann er sich auf Praxis berufen? (Für die er nicht einmal die unmittelbare Verantwortung trägt, sondern wo er nur ein Erbe verwaltet). Noch genauer: Weil die Reformen ab 1962 die warenökonomische Basis für ein privates ökonomisches Subjekt wiederbelebten, war es dadurch eher oder überhaupt möglich, es auch wieder komplex zu privatisieren?

(… noch unvollständig …)